Heute vor 77 Jahren trat das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in Kraft. Bemerkenswert ist dabei nicht nur der historische Moment, sondern auch der sprachliche Ausgangspunkt dieses Textes, denn das Grundgesetz beginnt weder mit Staat, Macht noch mit Sicherheit. Es beginnt mit einem Satz über den Menschen:
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Gerade aus sprachlicher Sicht liegt darin etwas Grundsätzliches. Denn Sprache beschreibt gesellschaftliche Wirklichkeit nicht nur, sie strukturiert sie auch. Sie beeinflusst, wie Menschen wahrgenommen werden, wie Zugehörigkeit entsteht und an welchem Punkt eine Gesellschaft beginnt, Unterschiede nicht mehr auszuhalten.
Demokratien funktionieren sprachlich
Demokratien funktionieren deshalb nicht allein institutionell. Sie funktionieren vor allem sprachlich.
Historisch zeigt sich immer wieder, dass gesellschaftliche Verrohung selten abrupt entsteht. Sie beginnt häufig mit der Verrohung der Sprache. Menschen erscheinen nicht mehr als Individuen, sondern nur noch als Gruppen, Kategorien oder Bedrohungen. Genau an diesem Punkt beginnt sprachliche Dehumanisierung und mit ihr verändert sich langsam auch das gesellschaftliche Denken.
Die unterschätzte Aktualität des Grundgesetzes
Gerade darin liegt die bis heute unterschätzte Aktualität des Grundgesetzes. Sein erster Satz formuliert nicht nur einen juristischen Grundsatz, sondern erinnert zugleich an eine sprachliche Grenze: Der Mensch darf niemals so beschrieben werden, dass seine Würde sprachlich verschwindet.
Genau dort beginnt auch die eigentliche Fragilität demokratischer Gesellschaften: nicht erst im institutionellen Versagen, sondern in dem Moment, in dem Menschen verlernen, den anderen sprachlich noch als Menschen wahrzunehmen.
Plädoyer für sprachliche Achtsamkeit
Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur unsere Demokratie schützen, sondern auch die Sprache, von der sie lebt. Denn demokratische Gesellschaften brauchen nicht nur Regeln und Institutionen, sondern auch sprachliche Achtsamkeit!
Über die Autorin: Daniela Lotzen | Sprachbildung neu denken – zwischen Unterrichtspraxis und Systemlogik
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