Montagsimpuls | Daniela Lotzen
Wir sind es gewohnt, den Erfolg des Lernens daran zu erkennen, was ein Mensch weiß und wie sicher er dieses Wissen wiedergeben kann. Wer eine Frage richtig beantwortet, scheint den Gegenstand verstanden zu haben. Dabei übersehen wir leicht, dass zwischen der Kenntnis einer Antwort und dem Verständnis der Zusammenhänge, aus denen sie hervorgegangen ist, ein wesentlicher Unterschied besteht.
Eine Antwort kann einen Sachverhalt klären, ohne dass damit das Nachdenken über ihn abgeschlossen wäre. Häufig erschließt sich uns seine Bedeutung erst, wenn wir beginnen, das Gelernte mit eigenen Erfahrungen zu verbinden, vermeintliche Gewissheiten zu hinterfragen und Zusammenhänge zu erkennen, die zuvor außerhalb unserer Betrachtung lagen. Aus einer gewonnenen Erkenntnis entstehen neue Fragen, die unser bisheriges Verständnis erweitern und mitunter auch verändern.
Darin liegt eine wesentliche Bedeutung des Lernens, die über den Erwerb und die Wiedergabe von Wissen hinausreicht. Denn Wissen bildet die Grundlage, auf der wir urteilen und weiterdenken können. Ob daraus eigenständige Erkenntnis erwächst, hängt jedoch auch davon ab, ob wir Gelegenheit erhalten, uns mit dem Gelernten auseinanderzusetzen, Widersprüche zu erkennen und eigene Schlussfolgerungen zu entwickeln.
Gerade für die Sprachbildung ist dieser Zusammenhang von besonderer Bedeutung. Sprache ist nicht nur etwas, das wir lernen, sondern zugleich das Mittel, mit dem wir uns die Welt erschließen. Wir brauchen sie, um Beobachtungen einzuordnen, Gedanken zu entwickeln, andere Perspektiven zu verstehen und das eigene Wissen im Austausch mit anderen zu überprüfen. Wer Sprache ausschließlich als Lerngegenstand betrachtet, übersieht deshalb einen wesentlichen Teil ihrer Bedeutung für die individuelle Entwicklung und das gesellschaftliche Zusammenleben.
Damit stellt sich eine Frage, die weit über den Sprachunterricht hinausreicht: Wie können wir von Menschen eigenständiges Denken erwarten, wenn wir beim Lernen vor allem darauf achten, ob sie bereits bekannte Antworten beherrschen?
Dieser Widerspruch gehört zu den zentralen Fragen meines Buches „DIPLOMATISCH UNBEQUEM. Sprachlos zwischen Wissen und Anwendung“, das demnächst erscheint.
Es ist ein Plädoyer dafür, Bewährtes nicht vorschnell aufzugeben, aber seine Grenzen konsequent zu hinterfragen. Denn Sprachbildung endet nicht mit einem Zertifikat. Sie muss Menschen befähigen, mit ihrer eigenen Stimme am gesellschaftlichen und beruflichen Leben teilzunehmen, Verantwortung zu übernehmen und Veränderungen mitzugestalten.
Ich wünsche Ihnen eine erkenntnisreiche Woche!
Ihre Daniela Lotzen
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