Wenn von internationaler Verständigung die Rede ist, richtet sich der Blick meist auf Gipfeltreffen, diplomatische Verhandlungen oder multilaterale Institutionen.
Deutlich seltener wird über jene Orte gesprochen, an denen Verständigung sehr viel unspektakulärer und zugleich sehr viel unmittelbarer stattfindet.
Seit der Pandemie zeigt sich das für mich jeden Mittwochabend in meinem internationalen Online-Deutschkurs.
Wenn Deutsch zur gemeinsamen Sprache wird
Dort sprechen Menschen aus unterschiedlichen Teilen der Welt miteinander auf Deutsch, obwohl viele von ihnen problemlos auf Englisch kommunizieren könnten und sich dennoch bewusst entscheiden, ihre Ausdrucksfähigkeit im Deutschen weiterzuentwickeln.
Menschen, die in unterschiedlichen politischen Systemen aufgewachsen sind, verschiedene kulturelle Prägungen mitbringen und häufig zwischen mehreren Ländern, Sprachen und beruflichen Realitäten leben, sprechen über Politik, Wirtschaft, Kultur, Familie und über die Herausforderungen eines Lebens zwischen unterschiedlichen Kontexten.
Parallel dazu ringen sie mit Artikeln, Präpositionen, Nebensätzen und mit jener Eigenheit der deutschen Sprache, Regeln aufzustellen, die sich wenig später durch ihre eigenen Ausnahmen relativieren.
Darum wird gerungen, und ebenso regelmäßig wird darüber gelacht.
Was zwischen Sprache und Verständigung entsteht
Interessant ist jedoch, was zwischen diesen sprachlichen Herausforderungen entsteht.
Wer sich in einer Sprache verständigt, die noch nicht dieselbe Präzision erlaubt wie die eigene, spricht häufig bewusster, hört genauer zu und formuliert vorsichtiger, weil sprachliche Routinen fehlen und Missverständnisse sich nicht so leicht hinter Tempo oder rhetorischer Dominanz verbergen lassen.
Man fragt genauer nach, hört länger zu und erkennt schneller, dass Verständigung selten an fehlendem Wissen, sondern häufig an vorschnellen Annahmen scheitert.
Und mit der Zeit wird sichtbar, dass Respekt selten aus großen Begriffen entsteht, sondern meist aus wiederholter Begegnung und der Bereitschaft, Unterschiede nicht sofort als Problem zu behandeln.
Eine unterschätzte Form internationaler Verständigung
Vielleicht würden manche internationalen Debatten anders verlaufen, wenn gelegentlich unter den Bedingungen eines Sprachkurses gesprochen werden müsste.
Ich jedenfalls möchte keinen dieser Mittwochabende missen!
Daniela Lotzen
Sprachbildung wirksam denken – zwischen Unterrichtspraxis und Systemlogik
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