10. Mai 2026
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Muttertag und die sogenannte Muttersprache

Am heutigen Muttertag wird über vieles gesprochen: über Fürsorge, Nähe, Verzicht und Familie.

Wesentlich seltener wird jedoch thematisiert, dass einer unserer geläufigsten sprachlichen Begriffe bis heute genau auf diese frühe Beziehung verweist: Muttersprache.

Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive ist dieser Begriff längst umstritten, weil in vielen Fällen Erstsprache präziser wäre. Dennoch hält sich kaum ein Begriff so hartnäckig im gesellschaftlichen Alltag wie dieser.

Das dürfte auch daran liegen, dass er auf etwas verweist, das lange vor Schule, Prüfungen oder späteren Sprachkursen beginnt.

Denn bevor Kinder lesen, schreiben oder weitere Sprachen lernen, lernen sie zunächst, Wirklichkeit sprachlich einzuordnen. Sie lernen, wie Dinge benannt werden, wie Nähe sprachlich entsteht, wie Konflikte verhandelt werden und wie sich Bedürfnisse ausdrücken lassen.

Gerade weil diese frühen Erfahrungen selbstverständlich wirken, geraten sie später leicht aus dem Blick. Tatsächlich entsteht hier jedoch eine Grundlage, auf der Schulen, weitere Sprachlernprozesse und gesellschaftliche Teilhabe aufbauen.

Während in Debatten über Mehrsprachigkeit häufig über das Erlernen neuer Sprachen gesprochen wird, geht es deutlich seltener um die Stabilität der ersten Sprache und um ihre Bedeutung für spätere Lernprozesse.

Vielleicht erklärt genau das, warum sich der Begriff Muttersprache bis heute gehalten hat.

Auch wenn der Begriff wissenschaftlich nicht immer präzise ist, erinnert er gesellschaftlich an etwas Wesentliches: Sprache ist zunächst Beziehung, lange bevor sie bewertet wird.

In diesem Sinne: Alles Gute zum Muttertag.


Daniela Lotzen | Sprachbildung neu denken – zwischen Unterrichtspraxis und Systemlogik


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