Kaum ein Schulabschluss genießt in Deutschland ein so hohes Ansehen wie das Abitur. Es gilt als Nachweis besonderer Leistungsfähigkeit, eröffnet den Zugang zu Hochschulen und markiert für viele junge Menschen den Abschluss eines langen Bildungsweges. Wer das Abitur besteht, hat eine wichtige Hürde genommen. Wer scheitert, erlebt dies häufig als persönliches Versagen.
Doch was sagt ein nicht bestandenes Abitur tatsächlich aus?
Diese Frage beschäftigt mich seit einigen Tagen. Auslöser war der Fall eines Gymnasiums in Mecklenburg-Vorpommern, an dem rund ein Drittel der Abiturientinnen und Abiturienten die Prüfungen nicht bestand. Große Aufmerksamkeit erhielt anschließend die Rede einer Schülerin, die selbst betroffen war und ihre Enttäuschung öffentlich formulierte. Seitdem wird viel über ihre Worte diskutiert. Mich beschäftigt jedoch eine andere Frage.
Was passiert in einem Bildungssystem, wenn ungewöhnlich viele junge Menschen an derselben Stelle scheitern?
Die naheliegendste Antwort wäre, mangelnde Leistung zu unterstellen. Ebenso naheliegend wäre es, ausschließlich das Schulsystem verantwortlich zu machen. Beides greift zu kurz. Solange die zuständigen Behörden den Fall prüfen, verbieten sich vorschnelle Urteile. Gerade deshalb lohnt es sich, den Blick über den Einzelfall hinaus zu richten.
Prüfungsleistung ist nicht gleich Kompetenz
Prüfungen erfüllen eine wichtige Aufgabe. Sie schaffen Vergleichbarkeit und dokumentieren erreichte Leistungen. Gleichzeitig erfassen sie immer nur einen Ausschnitt dessen, was Menschen tatsächlich können.
Ein Abiturzeugnis zeigt, dass festgelegte Anforderungen erfüllt wurden. Es kann jedoch nicht abbilden:
- wie kreativ jemand denkt,
- wie souverän er kommuniziert,
- wie belastbar er in schwierigen Situationen handelt oder
- wie gut es gelingt, gemeinsam mit anderen Lösungen zu entwickeln.
Diese Erkenntnis ist nicht neu. Dennoch setzen wir Prüfungsergebnisse häufig mit Kompetenz gleich. Dabei besteht zwischen beiden ein wesentlicher Unterschied.
In meiner Sonntagskolumne der vergangenen Woche habe ich über sprachliche Souveränität geschrieben. Im Mittelpunkt stand die Fähigkeit, Sprache bewusst, situationsangemessen und verantwortungsvoll einzusetzen. Genau diese Fähigkeit lässt sich nur begrenzt in einer schriftlichen Prüfung erfassen. Das gilt nicht nur für Sprache, sondern für viele Bereiche menschlicher Kompetenz.
Die unsichtbare Barriere: Welche Rolle spielt Sprache für den Prüfungserfolg?
Jede Abiturprüfung beginnt mit Sprache. Aufgaben müssen verstanden, Operatoren sicher interpretiert und komplexe Texte erschlossen werden. Selbst in Mathematik entscheidet häufig zunächst das Sprachverständnis darüber, ob ein Lösungsweg überhaupt erkannt wird.
Sprache ist kein Randthema des Bildungssystems. Sie bildet dessen Fundament.
Erstaunlicherweise sprechen wir darüber vergleichsweise selten. Stattdessen diskutieren wir über Lehrpläne, Prüfungsformate, Digitalisierung oder den Einsatz künstlicher Intelligenz. All diese Themen sind wichtig. Die sprachlichen Voraussetzungen erfolgreichen Lernens geraten dabei jedoch häufig in den Hintergrund, obwohl sie nahezu alle Bildungsprozesse durchziehen.
Fazit: Zeit für unbequeme Fragen
Genau darin sehe ich die eigentliche Bedeutung der aktuellen Debatte. Nicht die Rede einer einzelnen Schülerin sollte im Mittelpunkt stehen, sondern die Bereitschaft, unbequeme Fragen an unser Bildungssystem zu stellen:
- Was messen unsere Prüfungen tatsächlich?
- Welche Kompetenzen bleiben unsichtbar?
- Und welche Voraussetzungen brauchen junge Menschen, damit sie ihr Wissen überhaupt zeigen können?
Wenn ein Drittel eines Jahrgangs scheitert, stellt sich irgendwann nicht mehr nur die Frage nach den Schülerinnen und Schülern. Dann muss sich auch das System den Fragen stellen. Nicht, um Schuldige zu suchen, sondern um zu verstehen, welche Ursachen hinter einem solchen Ergebnis stehen und welche Konsequenzen daraus folgen müssen.
Bildung darf sich nicht darauf beschränken, Leistungen zu bewerten. Sie muss sich ebenso daran messen lassen, unter welchen Bedingungen Lernen gelingt. Genau dort beginnt für mich die eigentliche Verantwortung eines Bildungssystems.
Ich wünsche Ihnen einen inspirierenden Sonntag.
Ihre Daniela Lotzen
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