Von Daniela Lotzen
Sprachbildung sichtbar machen | Sprache, Bildung und Teilhabe zusammendenken | Herausgeberin von „Deutsch mal anders“ | Gründerin von „Selbstbewusst Deutsch Sprechen“
Kaum ein Begriff begegnet uns so selbstverständlich wie der der Souveränität. Wir sprechen von souveränen Staaten, souveränen Entscheidungen oder souveränem Auftreten. Gemeint ist damit selten Perfektion. Souverän wirkt vielmehr, wer auch in anspruchsvollen Situationen ruhig bleibt, angemessen handelt und seinem Gegenüber Sicherheit vermittelt. Souveränität zeigt sich nicht im Anspruch, alles zu wissen, sondern in der Fähigkeit, mit Komplexität verantwortungsvoll umzugehen.
Die Beschäftigung mit Sprachbildung hat meinen Blick auf Sprache verändert. Immer häufiger frage ich mich, ob dieser Gedanke nicht auch für Sprache gilt.
Zwischen Alltagssprache und Fachsprache: Die Register der Kommunikation
Die Sprachwissenschaft unterscheidet unterschiedliche sprachliche Register. Wir sprechen anders im Familienkreis als im Beruf, anders mit Kindern als auf einer wissenschaftlichen Tagung oder in einer Behörde. Hinzu kommen Begriffe wie:
- Alltagssprache
- Bildungssprache
- Fachsprache
- Einfache Sprache
Jede dieser Sprachformen erfüllt eine wichtige Funktion und entsteht aus unterschiedlichen Kommunikationssituationen. Diese Unterscheidungen helfen uns zu verstehen, welche Sprache Menschen in einem bestimmten Kontext verwenden.
Sie beantworten jedoch eine andere Frage. Sie beschreiben unterschiedliche Formen sprachlicher Kommunikation, erklären jedoch nicht, wodurch Kommunikation gelingt und wie Menschen Sprache bewusst einsetzen. Genau darin liegt ein Aspekt, der in der öffentlichen Diskussion bislang erstaunlich wenig Beachtung findet.
Was macht sprachliche Kompetenz wirklich aus?
Sprachliche Kompetenz wird häufig mit einem großen Wortschatz, grammatikalischer Sicherheit oder dem Beherrschen fachlicher Begriffe verbunden. Zweifelsohne gehören all diese Fähigkeiten dazu.
Dennoch erleben wir immer wieder Situationen, in denen Menschen über ein beeindruckendes Fachwissen verfügen und ihre Botschaft ihr Gegenüber dennoch nicht erreicht. Umgekehrt begegnen wir Menschen, die komplexe Zusammenhänge ruhig, klar und verständlich erklären, Vertrauen schaffen und andere mitnehmen, obwohl sie auf komplizierte Formulierungen verzichten.
Der entscheidende Unterschied liegt dabei weniger im Wissen selbst als vielmehr darin, wie Menschen Sprache einsetzen, wie sie ihr Gegenüber wahrnehmen und ob es ihnen gelingt, Gedanken so zu vermitteln, dass aus Informationen gemeinsames Verstehen entstehen kann.
Die Definition von sprachlicher Souveränität
Sprachliche Souveränität zeigt sich deshalb weder darin, möglichst anspruchsvoll zu sprechen, noch darin, alles möglichst einfach auszudrücken. Sie zeigt sich vielmehr in der Fähigkeit, die Sprache der jeweiligen Situation angemessen einzusetzen. Dazu gehört:
- Zwischen unterschiedlichen sprachlichen Registern sicher wechseln zu können
- Aufmerksam zuzuhören
- Missverständnisse früh zu erkennen
- Gedanken präzise und verständlich zu formulieren
Sprache besteht dabei aus weit mehr als Wörtern. Auch Stimme, Sprechtempo, Blickkontakt, Körpersprache und Gesprächsführung beeinflussen, ob Kommunikation gelingt. Wer sprachlich souverän handelt, achtet deshalb nicht nur darauf, was gesagt wird, sondern ebenso darauf, wie etwas gesagt wird, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist und welche Wirkung die eigene Kommunikation beim Gegenüber entfaltet.
Deutsch als Fremdsprache: Kommunikation als bewusster Prozess
Besonders im Bereich Deutsch als Fremd- und Zweitsprache wird sichtbar, dass erfolgreiche Kommunikation weit über Grammatik und Wortschatz hinausgeht. Wer eine neue Sprache lernt, lernt nicht nur neue Wörter und grammatische Strukturen. Er lernt zuzuhören, nachzufragen, Bedeutungen auszuhandeln und die eigene Ausdrucksweise immer wieder an unterschiedliche Gesprächspartner anzupassen. Kommunikation wird dadurch zu einem bewussten Prozess.
Interessanterweise zeigt sich gerade hier, dass Muttersprachlichkeit und sprachliche Souveränität nicht dasselbe sind. Die Muttersprache schenkt uns sprachliche Selbstverständlichkeit und einen intuitiven Zugang zur Sprache.
Sprachliche Souveränität entsteht nicht allein dadurch, dass wir mit einer Sprache aufgewachsen sind. Sie entwickelt sich überall dort, wo Menschen ihre Kommunikation reflektieren, neue Erfahrungen sammeln und bereit sind, ihre Sprache den Anforderungen immer neuer Situationen anzupassen.
Deshalb ist Sprachbildung weit mehr als der Erwerb sprachlicher Mittel. Sie begleitet Menschen dabei, ihre kommunikativen Möglichkeiten kontinuierlich weiterzuentwickeln und sich in immer neuen Lebenssituationen sprachlich zurechtzufinden.
Fazit: Ein lebenslanger Lernprozess
Am Ende bleibt für mich eine Erkenntnis. Neben den bekannten Sprachformen gibt es noch eine weitere Dimension: die souveräne Sprachbeherrschung. Sie ist keine weitere Sprachform, sondern beschreibt die Fähigkeit, Sprache bewusst, situationsangemessen und verantwortungsvoll einzusetzen.
Gerade deshalb ist sie kein Zustand, den man irgendwann erreicht, sondern Ausdruck lebenslangen Lernens. Gerade darin liegt die eigentliche Qualität von Sprache: nicht darin, sie zu beherrschen, sondern sie souverän zu gebrauchen.
Entdecke mehr von Online-Sprachschule SDS
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
