Viele Erwachsene gehen von einer logischen Kette aus: Sie glauben, dass sie zunächst genügend Wortschatz aufbauen, die Grammatik perfekt beherrschen und sich absolut sicher fühlen müssen, bevor sie überhaupt anfangen, Deutsch zu sprechen.
Das erscheint auf den ersten Blick durchaus plausibel. Bei genauerem Hinsehen wird hier jedoch ein entscheidender Denkfehler gemacht.
Der Unterschied zwischen Sprachwissen und Sprachkompetenz
Viele Lernende verwechseln zwei grundlegende Dinge miteinander:
- Sprachwissen: Es hilft uns dabei, eine Sprache zu verstehen (passiv).
- Sprachkompetenz: Sie entsteht dagegen erst dann, wenn wir die Sprache tatsächlich aktiv verwenden.
Genau deshalb warten viele Lernende auf einen Zeitpunkt, der nie wirklich eintritt. Sie möchten erst „sicher genug“ sein, bevor sie sprechen. Das Problem dabei? Sicherheit entwickelt sich nicht vor der Anwendung, sondern erst durch sie.
Was wir von Kindern lernen können
In diesem Punkt können wir uns von Kindern eine Scheibe abschneiden. Kinder warten nicht darauf, eine Sprache perfekt zu beherrschen. Sie nutzen einfach die sprachlichen Mittel, die ihnen im Moment zur Verfügung stehen – und sei es nur ein einziges Wort. Genau durch dieses mutige Ausprobieren erweitern sie ihre Fähigkeiten Schritt für Schritt.
Meine Antwort auf die Ausgangsfrage lautet deshalb ganz klar: Deutsch ab Tag 1 verwenden!
Nicht, weil Perfektion unwichtig wäre, sondern weil sie das Ergebnis eines Lernprozesses ist und nicht dessen Voraussetzung.
Fazit: Mut schlägt Perfektion
Wer den Mut hat, die Sprache von Beginn an aktiv zu verwenden, wird mit der Zeit nicht nur besser Deutsch sprechen, sondern vor allem auch selbstbewusst.
Über die Autorin: Daniela Lotzen | Sprachbildung neu denken – zwischen Unterrichtspraxis und Systemlogik
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